Clara Schüppler

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Guten Tag Zusammen!

Mein Name ist Clara und ich habe diesen Bog erstellt, um Erfahrungen und Eindrücke, die ich während meines einjährigen Bundesfreiwilligendienstes in Uganda machen werde, mit Euch teilen zu können! Ende August diesen Jahres wird die Zeit an der Ewaldi Community School in Nakaseke für mich losgehen...

Ich freue mich über Interesse und Rückmeldungen von Euch und bin selbst gespannt, was sich in meinem Blog ansammeln wird

 Eure Clara 

Alter: 20
 


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Blog

Kigali- die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten

Kigali - die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten

Viel geschlafen haben wir nicht, aber dafür war auch wirklich keine Zeit.

Schließlich hatten Greta und ich in unseren fünf Tagen in der Hauptstadt Ruandas volles Programm mit unseren Mitfreiwilligen Klara und Laura, die inzwischen mindestens so einheimisch scheinen wie ihre zahlreichen ruandischen Freunde…

Nach einer recht akzeptablen Bus-Nachtfahrt gestartet in Kampala, erreichten wir Donnerstagmorgen das kleine, zentral gelegene Volontärs-Reihenhaus, wo wir Laura um halb sechs erst einmal wach klopften- ja moin, wir sinds schon wieder. Es ist nun schon das fünfte Mal, dass wir die beiden in unserem Jahr getroffen haben und inzwischen sind richtige Freundschaften unter uns Freiwilligen entstanden. An diesem ersten Tag nutzten Greta und ich die Zeit, um uns auf dem gigantischen Stoffmarkt mit ruandischem Kitenge einzudecken. Die einzige Möglichkeit, dort kein Geld auszugeben ist eigentlich nur die, keines mitzunehmen; und selbst dann hätte ich es geschafft, noch was kaufen. Vor lauter „ohs und ahs“ kann man sich in diesem Paradies aus Stoffreihen aber echt nicht für einen Stoff entscheiden! Dementsprechend kam ich an diesem Nachmittag mit ganzen ACHT Materialien nach Hause, wo wir den Rest des Tages im Wohnzimmer auf Matratzen entspannten und reichlich Gesprächsstoff austauschten. Nach einem Ananas-Eis-Power-Smoothie (ja, die Ruandas haben ihren Mixer neu entdeckt) ging es noch zum Aerobic ins Fitnessstudio. Schon ganz anders als in unserem Projekt: man geht einfach zur Tür raus und schon steht man im Fitnesscenter, man geht in die andere Richtung, schon steht man vor zwei Supermärkten, in denen man alles Nötige zu jeder Zeit bekommt. Kochen und einkaufen wird dementsprechend eine ziemliche einfache und spontane Sache, bzw. auch etwas überflüssig, weil man auch einfach gut in Bars oder Bistros essen gehen und Leute treffen kann. Das haben wir Donnerstagabend beim etwas traurigen Deutschlandspiel dann auch gemacht. Für Freitag stand die Arbeit im Projekt auf dem Programm: im Center für Menschen mit Behinderung in Gahanga bemalten wir mit einigen dort Lebenden Klopapierrollen und hingen diese schließlich als Girlande durch den Raum. Nachmittags ging es mit dem Bus noch in ein anderes Projekt nach Kabuga, wo Kinder für die Physiotherapie, zum Lernen oder auch einfach zum Spielen hinkommen. Ich würde -wenn ich mir nach der kurzen Zeit überhaupt schon ein Urteil erlauben kann- die Arbeit im Ruanda-Projekt als eine sehr intensive Arbeit mit Menschen einstufen, bei der man Geduld und Energie aufbringen muss, aber auch wahnsinnig viel entgegen gebracht bekommt und glücklich werden kann, wenn man nicht direkt die Leistung und den Erfolg an oberster Stelle sieht. Diese Einschätzung wurde auch nach Montag noch einmal bestätigt, als wir erneut mit zur Arbeit kamen und die Menschen in den Projekten inzwischen sogar schon mit Namen kannten. Das Wochenende lebten wir nach dem Motto „Man lebt nur einmal, also was soll der Geiz?!“ Von Schwimmengehen im edlen Hotelpool, Bagels in der Bagelfactory essen, abends Pizza (und Nutellapizza!!!) gönnen im teuren Sol le Luna mit Blick über das erleuchtete Kigali, Sonnenuntergang vom Berg aus beobachten, Pferd streicheln (endlich wieder nach ganzen elf Monaten!!), Shoppen im Womens-Center (sehr schön und sehr teuer), Basketballspiel im Stadion gucken, unvergessliche Moto-Nacht-Fahrten auf den kleinen Flitze-Rollern, die einfach immer überall sind (es gibt echt fast nichts Schöneres, als auf einem Moto über freie, gut gepflasterte Straßen durch die Nacht zu flitzen und auf ein Meer aus 10000 Stadtlichtern zu schauen, die aus den Hügeln der Stadt scheinbar hinauswachsen)…

Und das herrliche Nachtleben in Clubs habe ich mir auch nicht entgehen lassen, was ich keineswegs bereue, auch wenn ich mich vor Müdigkeit am vorletzten Abend kaum noch auf dem Stuhl halten konnte. Dank unserer aktiven Nächte präferierten Klara und ich es, uns kurz vor Mitternacht (oder auch später) noch einen kleinen Snack vom Supermarkt zu gönnen, einfach weil man es konnte. Schon echter Luxus. Als dann mein Handy im Bus plötzlich WLAN fand, war es kaum noch auszuhalten. Wo war ich denn hier bitte gelandet!? Haben sich die Umstände verändert oder bin ich diejenige die sich verändert hat - oder beides? Eines jedenfalls steht fest: Ruandas Hauptstadt bietet viele Möglichkeiten. Und so manches Mal schienen sie mir in der kurzen Zeit, in der wir unendlich viel erlebten, beinah unbegrenzt...

16.7.16 15:33, kommentieren

Du bist dabei, ich bin dabei, wir sind dabei



Irgendwie sind die spontanen Aktionen oft die schönsten. So auch der Dienstagnachmittag dieser Woche, an dem planmäßig eigentlich Communitywork mit William für drei Uhr auf dem Programm stand. Nach über einer halben Stunde warten und von William weit und breit keine Spur, beschlossen wir, uns mit einigen Kids selbstständig auf den Weg zu machen. Nachdem ich drei Schüler bei Teacher Edrine aus der P2 gemopst hatte (Tausi, Angel und Henry) machten wir uns in der prallen Sonne auf den Weg Richtung Kalege, dem Nachbardorf, in dem die Kids angeblich wohnen sollten. Mit rechts und links zwei Mädels an den Händen waren diese ziemlich schnell nass geschwitzt und es war dann schon ein netter Zufall, als aus der Ferne plötzlich ein Auto in einer großen Staubwolke auf uns zugebrettert kam und sich herausstellte, dass William der Fahrer war und uns für die Communitywork einsammeln wollte… In null komma nix hockte unsere siebener-Truppe auf der Rückbank des Bullis und es ging über Hügelpisten, Staubwegen und Schlaglöchern immer weiter in den „Busch“, wo wir irgendwann an einem Haus stoppten, in dem Angels Familie wohnte. Uns erwarteten zwei Eltern, die ihrer Tochter 1:1 ähnlich sahen und einige Geschwister, die allerdings nicht auf die Ewaldi-School gehen. Angel war vor einiger Zeit als das kränkste Kind aus der Familie „herausgepickt“ und an der Schule im Bording aufgenommen worden. Ihre Mutter stellte schnell klar, dass Angels Vater ja keine Ahnung von seiner Tochter habe und man sich bei Fragen an sie wenden solle. William bestätigte diese Aussage noch, als er meinte, achtzig Prozent des Einkommens würde die Mutter verdienen (durch Cassava-Trocknen, Frittieren, an Schulen verkaufen), der Vater habe so wie viele Männer in den Dörfern ein Alkoholproblem und sei selten zuhause. Mit gemischten Gefühlen stieg ich zurück ins Auto und ließ mich auf immer enger werdenden und von Kaffeepflanzen zugewucherten Wegen zu einer kleinen Lehmhütte fahren, die so gelegen war, dass manch einer behaupten würde, man habe das Ende der Welt erreicht – Willkommen bei Henry zuhause! Muss schon ein komisches Bild gewesen sein, wie wir vier Weiße zum Haus vorstapften, unterwegs noch „oh guck mal die süßen Ferkel“ riefen und schließlich vor verschlossener Tür umgeben von Bananen- und Kaffeepflanzen standen. Irgendwann tauchte zwischen den Bäumen plötzlich ein wandelnder Asthaufen auf, unter dessen Last sich eine alte, dürre Frau abmühte. Diese fiel vor uns auf die Knie und sagte schweißgebadet, sie sei krank, bräuchte einen Arzt. Vom Leben gezeichnet - vom Überleben entkräftet.

William erklärte, er würde mit ihr morgen ins Krankenhaus fahren, müsse aber aus rechtlichen Gründen eine Frau mitnehmen. Es war irgendwie ein schönes und zugleich unglaublich trauriges Bild: die von außen so gemütlich zu sein scheinende Hütte zwischen den Bäumen und Tieren erbaut, schien gleichzeitig so viel Leid, Arbeit, Krankheit, ja vielleicht sogar Not zu beherbergen. Hierzu muss gesagt sein, dass Henrys Mutter früh starb, sein drogenabhängiger Vater nur wenige Meter weiter in einem Haus wohnt und sich null für seinen Sohn interessiert. Einzig und allein gegen Henrys Aufnahme an der Schule hat er sich mit Händen und Füßen gewehrt, schließlich sollte sein Sohn zuhause Arbeit leisten. So kam es, dass Henry vor einigen Jahren mit der Polizei abgeholt wurde, ihm alle Schulsachen über Spenden zukommen und er in den Ferien als einziger Schüler nicht nach Hause geholt wird. Umso erstaunlicher, dass dieses Wunderkind der schlauste und sozialste Junge ist, dem ich je begegnet bin. Noch letztes Jahr hat er eine Klasse übersprungen und wirkt reifer als andere Kinder in seinem Alter. Besonders interessant ist es auch immer wieder, das Verhältnis der Kids zu ihren Verwandten miterleben zu können. Zurückhaltend und unterwürfig kniete Henry vor seiner kranken Oma nieder, verabschiedete sie mit einer kurzen Handbewegung und schien nach der Begegnung wenig berührt. Im Gegensatz zu mir, die ich dreimal schlucken musste und mit Tränen in den Augen den Rückweg antrat. Es gibt schon Schicksale. Beim letzten Mal umdrehen sah ich noch aus dem Augenwinkel, wie sich Henrys Oma noch einmal aus dem Dreck hochkämpfte - und eigentlich möchte ich gar nicht wissen, ob es das letzte Mal war.

Zurück im Auto brachte Clueso mich mit seinem Lied „Du bist dabei, ich bin dabei, wir sind dabei und zu verlieren“ mich zum Nachdenken- das Gesehene musste ich erst einmal verarbeiten, doch blieb hierfür nicht viel Zeit, immerhin standen wir 20 Schlaglöcher weiter vor Tausis Haustür, vor der die gesamte Großfamilie sich einen schönen Nachmittag zu machen schien. Freundlich wurden wir von ihrem Großvater auf Luganda begrüßt, während ihre sechs (?) Geschwister Bohnen schälten. Doch bevor mir das alles auffiel, wurde mein Blick von einem mini kleinem Wesen gefesselt, das mich zunächst einmal nach Luft schnappen ließ. So ein kleines, abgemagertes Baby habe ich noch nie zuvor gesehen. Eigentlich bestand das neun Monate alte Mädchen nur aus Kopf. Man erklärte mir später, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft Drogen genommen habe und inzwischen (wahrscheinlich) tot sei. Es gibt schon Schicksale. Zu Tausis Geschichte lässt sich sagen, dass für sie - ähnlich wie für die anderen beiden Kinder - die Schule mehr als nur eine Lernstätte ist, sondern vielmehr auch eine Familie und ein Zuhause darstellt. Erst nach ihrer Aufnahme im Bording begann Tausi überhaupt erst zu sprechen, zuvor war sie zurückgezogen und mied den Kontakt zu anderen Kindern (inzwischen kenne ich wenige Kids, die so vorlaut sind wie die aufgeweckte Tausi). Der Abschied nach diesem Kurzbesuch fiel mir etwas schwer, zumal mir das kleine Kind auf dem Boden, das irgendwie keines war und wahrscheinlich nie werden wird, nicht mehr aus dem Kopf ging. Zurück im Auto wieder diese völlig paradoxe Situation: über Ugandas abgelegene Dorfstraßen fuhren wir (vier weiße Frauen, drei Kids und William) dahin, hörten deutsche Musik auf voller Lautstärke, während William immer wieder irgendwem was aus dem Fenster zubrüllte (er kennt gefühlt ganz Busunju), die warmen Chapatis auf meinem Schoß, die wir unterwegs noch gekauft hatten. Da saß ich nun und blickte in drei Gesichter von Kindern, die unvorstellbar viel erlebt haben, früh erwachsen werden mussten, vielleicht keine Kindheit hatten.

Williams Worte, die er Henry eindringlich eingetrichtert hatte, als wir vor seiner Oma standen, hallten mir durch den Kopf: „Du musst hart arbeiten in der Schule, damit du dich um deine Oma kümmern kannst! Arbeite hart!“

Es gibt schon Schicksale.

2.7.16 15:35, kommentieren