Clara Schüppler

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Du bist dabei, ich bin dabei, wir sind dabei



Irgendwie sind die spontanen Aktionen oft die schönsten. So auch der Dienstagnachmittag dieser Woche, an dem planmäßig eigentlich Communitywork mit William für drei Uhr auf dem Programm stand. Nach über einer halben Stunde warten und von William weit und breit keine Spur, beschlossen wir, uns mit einigen Kids selbstständig auf den Weg zu machen. Nachdem ich drei Schüler bei Teacher Edrine aus der P2 gemopst hatte (Tausi, Angel und Henry) machten wir uns in der prallen Sonne auf den Weg Richtung Kalege, dem Nachbardorf, in dem die Kids angeblich wohnen sollten. Mit rechts und links zwei Mädels an den Händen waren diese ziemlich schnell nass geschwitzt und es war dann schon ein netter Zufall, als aus der Ferne plötzlich ein Auto in einer großen Staubwolke auf uns zugebrettert kam und sich herausstellte, dass William der Fahrer war und uns für die Communitywork einsammeln wollte… In null komma nix hockte unsere siebener-Truppe auf der Rückbank des Bullis und es ging über Hügelpisten, Staubwegen und Schlaglöchern immer weiter in den „Busch“, wo wir irgendwann an einem Haus stoppten, in dem Angels Familie wohnte. Uns erwarteten zwei Eltern, die ihrer Tochter 1:1 ähnlich sahen und einige Geschwister, die allerdings nicht auf die Ewaldi-School gehen. Angel war vor einiger Zeit als das kränkste Kind aus der Familie „herausgepickt“ und an der Schule im Bording aufgenommen worden. Ihre Mutter stellte schnell klar, dass Angels Vater ja keine Ahnung von seiner Tochter habe und man sich bei Fragen an sie wenden solle. William bestätigte diese Aussage noch, als er meinte, achtzig Prozent des Einkommens würde die Mutter verdienen (durch Cassava-Trocknen, Frittieren, an Schulen verkaufen), der Vater habe so wie viele Männer in den Dörfern ein Alkoholproblem und sei selten zuhause. Mit gemischten Gefühlen stieg ich zurück ins Auto und ließ mich auf immer enger werdenden und von Kaffeepflanzen zugewucherten Wegen zu einer kleinen Lehmhütte fahren, die so gelegen war, dass manch einer behaupten würde, man habe das Ende der Welt erreicht – Willkommen bei Henry zuhause! Muss schon ein komisches Bild gewesen sein, wie wir vier Weiße zum Haus vorstapften, unterwegs noch „oh guck mal die süßen Ferkel“ riefen und schließlich vor verschlossener Tür umgeben von Bananen- und Kaffeepflanzen standen. Irgendwann tauchte zwischen den Bäumen plötzlich ein wandelnder Asthaufen auf, unter dessen Last sich eine alte, dürre Frau abmühte. Diese fiel vor uns auf die Knie und sagte schweißgebadet, sie sei krank, bräuchte einen Arzt. Vom Leben gezeichnet - vom Überleben entkräftet.

William erklärte, er würde mit ihr morgen ins Krankenhaus fahren, müsse aber aus rechtlichen Gründen eine Frau mitnehmen. Es war irgendwie ein schönes und zugleich unglaublich trauriges Bild: die von außen so gemütlich zu sein scheinende Hütte zwischen den Bäumen und Tieren erbaut, schien gleichzeitig so viel Leid, Arbeit, Krankheit, ja vielleicht sogar Not zu beherbergen. Hierzu muss gesagt sein, dass Henrys Mutter früh starb, sein drogenabhängiger Vater nur wenige Meter weiter in einem Haus wohnt und sich null für seinen Sohn interessiert. Einzig und allein gegen Henrys Aufnahme an der Schule hat er sich mit Händen und Füßen gewehrt, schließlich sollte sein Sohn zuhause Arbeit leisten. So kam es, dass Henry vor einigen Jahren mit der Polizei abgeholt wurde, ihm alle Schulsachen über Spenden zukommen und er in den Ferien als einziger Schüler nicht nach Hause geholt wird. Umso erstaunlicher, dass dieses Wunderkind der schlauste und sozialste Junge ist, dem ich je begegnet bin. Noch letztes Jahr hat er eine Klasse übersprungen und wirkt reifer als andere Kinder in seinem Alter. Besonders interessant ist es auch immer wieder, das Verhältnis der Kids zu ihren Verwandten miterleben zu können. Zurückhaltend und unterwürfig kniete Henry vor seiner kranken Oma nieder, verabschiedete sie mit einer kurzen Handbewegung und schien nach der Begegnung wenig berührt. Im Gegensatz zu mir, die ich dreimal schlucken musste und mit Tränen in den Augen den Rückweg antrat. Es gibt schon Schicksale. Beim letzten Mal umdrehen sah ich noch aus dem Augenwinkel, wie sich Henrys Oma noch einmal aus dem Dreck hochkämpfte - und eigentlich möchte ich gar nicht wissen, ob es das letzte Mal war.

Zurück im Auto brachte Clueso mich mit seinem Lied „Du bist dabei, ich bin dabei, wir sind dabei und zu verlieren“ mich zum Nachdenken- das Gesehene musste ich erst einmal verarbeiten, doch blieb hierfür nicht viel Zeit, immerhin standen wir 20 Schlaglöcher weiter vor Tausis Haustür, vor der die gesamte Großfamilie sich einen schönen Nachmittag zu machen schien. Freundlich wurden wir von ihrem Großvater auf Luganda begrüßt, während ihre sechs (?) Geschwister Bohnen schälten. Doch bevor mir das alles auffiel, wurde mein Blick von einem mini kleinem Wesen gefesselt, das mich zunächst einmal nach Luft schnappen ließ. So ein kleines, abgemagertes Baby habe ich noch nie zuvor gesehen. Eigentlich bestand das neun Monate alte Mädchen nur aus Kopf. Man erklärte mir später, dass ihre Mutter während der Schwangerschaft Drogen genommen habe und inzwischen (wahrscheinlich) tot sei. Es gibt schon Schicksale. Zu Tausis Geschichte lässt sich sagen, dass für sie - ähnlich wie für die anderen beiden Kinder - die Schule mehr als nur eine Lernstätte ist, sondern vielmehr auch eine Familie und ein Zuhause darstellt. Erst nach ihrer Aufnahme im Bording begann Tausi überhaupt erst zu sprechen, zuvor war sie zurückgezogen und mied den Kontakt zu anderen Kindern (inzwischen kenne ich wenige Kids, die so vorlaut sind wie die aufgeweckte Tausi). Der Abschied nach diesem Kurzbesuch fiel mir etwas schwer, zumal mir das kleine Kind auf dem Boden, das irgendwie keines war und wahrscheinlich nie werden wird, nicht mehr aus dem Kopf ging. Zurück im Auto wieder diese völlig paradoxe Situation: über Ugandas abgelegene Dorfstraßen fuhren wir (vier weiße Frauen, drei Kids und William) dahin, hörten deutsche Musik auf voller Lautstärke, während William immer wieder irgendwem was aus dem Fenster zubrüllte (er kennt gefühlt ganz Busunju), die warmen Chapatis auf meinem Schoß, die wir unterwegs noch gekauft hatten. Da saß ich nun und blickte in drei Gesichter von Kindern, die unvorstellbar viel erlebt haben, früh erwachsen werden mussten, vielleicht keine Kindheit hatten.

Williams Worte, die er Henry eindringlich eingetrichtert hatte, als wir vor seiner Oma standen, hallten mir durch den Kopf: „Du musst hart arbeiten in der Schule, damit du dich um deine Oma kümmern kannst! Arbeite hart!“

Es gibt schon Schicksale.

2.7.16 15:35

Letzte Einträge: Unsre Reise die wird lustig, unsre Reise die wird schön..., Pizza, Soda, Film und mehr…, Kigali- die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, Der ganz normale Alltag(-swahnsinn), In der Luft

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