Clara Schüppler

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Der ganz normale Alltag(-swahnsinn)

Pünktlich um sieben Uhr morgens schlüpfe ich in meine inzwischen gut genutzt aussehenden Flipflops und mache mich auf den Weg zu den jungen Nursery Kids, die um diese Uhrzeit schon seit etwa einer Stunde Blätter vom Schulgelände aufgepickt haben. Unterwegs wird mir durchschnittlich zehn Mal „Good morning Teacher Clala“ zugerufen, sei es von fegenden Kindern, anderen Lehrern oder unserem freundlichen Schulpersonal, bestehend aus zwei Securitymännern, unserem super Cleaner und Gärtner „Uncle Jonny“ (der Name ist Programm!), einem vor Kraft strotzenden Koch „Allitah“ und zwei Matrons, Mamas für Alle und rund um die Uhr am arbeiten.

Bei den umherstreunernden Kids angekommen, halte ich sie unvorbildlicherweise von ihrer Arbeit, dem Blätter aufsammeln ab, indem ich ihre kalten Hände halte, dummes Zeug quatsche und Tiere nachahme, auf einem Bein hüpfe oder Grimassen schneide. Zwischendurch ermahne ich dann kurz „Londa ebikola“ (Sammelt die Blätter!), aber eigentlich auch nur, wenn ein anderer Lehrer neben mir steht. Während montags und freitags eine Schulversammlung für alle stattfindet, erwartet uns an allen anderen Tagen das heiß begehrte PE (Morgensport und Singsang für die Jüngsten), bei dem jeder Lehrer das letzte bisschen Autorität, wenn es denn jemals vorhanden war, vollständig verliert: es werden Mangotrees geshaket, Elefanten passen nicht in den Bus, weil sie zu fett sind (wörtlich übersetzt), der Zoo wird dreimal besucht und die Tiere dementsprechend nachgeahmt, das Alphabet wird getanzt, Monate, Wochentage, Zahlen bis 20 werden bis zum Erbrechen aufgebrüllt und zum „Welcome-Teacher-Song“ muss jeder Lehrer einzeln nach vorne kommen und vor allen ordentlich die Hüfte schwingen – die Kids lieben es.

So kommt es, dass ich um acht Uhr morgens schon immer mindestens zehn Kids an der Hand hatte - eigentlich bräuchte ich mindestens vier Hände für meine Arbeit hier) und mir etliche Kinder auf den Füßen standen und diese dementsprechend aussehen (Stichwort: Not smart!). Weiter geht es mit dem Unterrichten, das bei den Älteren in der Primary in Mathe und Drawing doch meist einigermaßen geordnet vonstatten geht, obwohl ich teilweise mehr als 45 Kinder in einer Klasse vor mir sitzen habe. Schwierig wird es immer erst, wenn Bleistifte oder Hefte fehlen und da kann die Nursery ein Lied von singen (was die Kinder ganz nebenbei sowieso schon den ganzen Tag tun). Um es einmal bildlich darzustellen: ich betrete mit einem Stoffbeutel voller Farben und zurechtgeschnittenen Papieren die Middleclass (das Arbeiten in den Heften habe ich aufgegeben, da Hefte entweder zerrissen, gegessen oder nicht wieder abgegeben werden.) D.h. ich versuche den Raum zu betreten. Vorher stolpere ich noch über Kinder die mir in die Arme rennen, auf dem Boden liegen, sich an meine Arme hängen. Habe ich es bis in den Klassenraum geschafft, diskutieren immer zwei Stimmen in meinem Kopf. Die eine sagt beruhigend „einfach auf Durchzug stellen, du schaffst das“, die andere schreit mich an „Verlasse sofort wieder diesen Raum!“ Doch schließlich haben die Stimmen bei dem Lärmpegel in dem dunklen Raum keine Chance gehört zu werden.

Juliet haut Jackline, Jackline fängt an zu heulen. Eric nimmt Shivan den Bleistift weg, Shivan schlägt, Happy petzt, dass Shivan schlägt. Währenddessen hängen sich drei Kinder gleichzeitig an meinen Rock (hinten, vorne, seitlich). Shakira fällt vom Stuhl, Stephen malt an die Tafel, obwohl er es nicht soll. Mein Stiftebeutel ist schneller zerrupft als ich gucken kann und dem unschuldig weißen Papier ergeht es nicht besser. Teacher Juliet hat bereits dankbar den Klassenraum verlassen, kaum hatte ich ihn betreten. Toll! Kreide? Erwarte ich schon lange nicht mehr. Bleistifte sind entweder abgebrochen oder nicht vorhanden, mit ganz viel Glück liegen welche auf dem Boden. Ich schreie und werde nicht gehört, die Kinder schreien und ich schalte auf Durchzug. Ist die einige Möglichkeit nicht durchzudrehen, reine Übungssache. Inzwischen heult die halbe Klasse. In diesen berühmt berüchtigten Stunden leiste ich reine Schadensbegrenzung und hoffe einfach immer nur, dass es zu keinen schlimmeren Verletzungen kommt...

Irgendwie überlebe ich die Middleclass Stunden, man darf nur nicht fragen, wie. Es gibt jedoch auch echt viele schöne Erlebnisse im Schulalltag: seien es die kleinen Botschaften, die mir die Kids mit Mühe in ihre Hefte malen, die strahlenden Gesichter, wenn ich den Klassenraum betrete oder die morgendliche Nachfrage, wann ich denn endlich in die Klasse komme… Und wenn man einen Klassenraum betritt und einem zunächst die eigen bunt gestalteten Plakate ins Auge fallen, ist das schon ein sehr gutes Gefühl.

Die Nachmittage nach dem Lunch spielen sich alle auf demselben Schulgelände ab, es sind immer dieselben Kids um uns herum und doch gleicht kein Nachmittag dem anderen.

Entweder eröffnen wir auf unserer Terrasse ein kleines Spielparadies mit Bausteinen, Plastiktieren und Mandalas, oder aber wir helfen unten vorm Dormetory beim Baden und Waschen der Kids. Das sieht dann meistens so aus: die Muzunngus (also wir) kommen, sagen den Kleinen drei mal, dass nun endgültig „time for bathing“ ist – nichts passiert. Also beginnen wir alleine mit dem Eimer schleppen, kümmern uns um Seife, Handtücher (die Schwammsuche habe ich aufgegeben, man kann Kinder schließlich auch mit den Händen einreiben), bis Mama Hilder dann einmal ein Machtwort spricht. Wir wickeln uns die Handtücher als Rock um die Hüfte, als Tuch um den Kopf, verkaufen die Vaseline für „Bitaano, Bitaano“ (500 ugandische Schilling) und starten eine Badeparty mit den Kids, bei der wir ungefähr genauso nass wie die vor uns herum hüpfenden Mädels werden. Das Eimer schleppen ist für mich inzwischen ebenso zur Routine geworden wie das wöchentliche Brötchen backen im großen Schulofen für die gesamte Schule. Immer öfter konnten wir mittwochs dank einiger Spenden noch Früchte für alle schnibbeln. Das Pizza und Kuchen backen stand noch als besonderes Highlight auf unserem Programm. Ebenso die Ausflüge mit Mama Hilder in den Schulgarten ergaben sich manchmal als spontane Aktionen, bei denen wir bei der Mais-, Yam-, Kohl-, Greensernte oder auch beim Diggen (Hacken) mithelfen konnten.

Immer öfter hat William uns mit in die Community genommen, damit wir einen direkten Einblick in die dörflich lebenden Familien bekommen konnten und die grundlegenden Backgrounds der Kids sehen und verstehen konnten. Leuchtsterne im Dorm aufhängen, Armbänder machen, Art und Craft für die Älteren (super coole Mehlsäcke haben wir dort mit Wolle bestickt), Klettern in Passionfruitbäumen, Handabdrücke im Dorm, Nähen im Nähraum, stundenlang Seifenblasen pusten, Seilchen springen – all dies sind Aktionen, die wir zwischendurch für und mit den Kindern gestaltet haben. Vor allem aber waren es die alltäglichen Begegnungen, das spontane Zusammensein und Miteinander-Quatschen in Küche, Klassenraum und Schlafsaal, das ich als sehr wertvoll und bereichernd empfunden habe. Und selbst am Abend haben die Kinder teilweise noch keine Ruhe vor uns, wenn wir mit ihnen mit den Händen essen wollen, beim Beten dabei sind und sie im stromlosen Schlafsaal noch ins Bett bringen…

Erfahrungen, die mir keiner nehmen kann.

7.8.16 11:58

Letzte Einträge: Unsre Reise die wird lustig, unsre Reise die wird schön..., Pizza, Soda, Film und mehr…, Du bist dabei, ich bin dabei, wir sind dabei, Kigali- die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, In der Luft

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