Clara Schüppler

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In der Luft

Abschiede sind nie leicht. Das habe ich als Kind erfahren und das sollte sich auch im weiteren Lauf des Lebens bestätigen. So auch heute. Ich gehe über das Schulgelände und sehe an allen Ecken Dinge, die mich an ein intensives, ereignisreiches Jahr im Projekt zurückerinnern.

Kaum betrete ich den Schlafsaal, an dem Greta und wochenlang Wände gestrichen haben, um diesen etwas wohnlicher zu machen, die Leuchtsterne, die wir an die Decke geklebt haben, die Handabdrücke an den Wänden, Fotocollagen, egal wohin man schaut.

In den Klassenräumen sehe ich die bunten Plakate an den Wänden – Resultate aus kreativen Schulstunden, in denen sich viele Kids als wahre Künstler entpuppten. Ich verlasse das Schulgebäude und komme an der Küche mit dem großen Schulofen vorbei, in dem wir mehrere Tausend Brötchen und einige Bleche Kuchen für die gesamte Schule gebacken haben. Auf der Küchenablage liegen zwei Kohlköpfe, die Greta und ich vor einiger Zeit selbst im Schulgarten angepflanzt hatten. Die Waschmaschine vor dem Dormitory - eines der letzten Projekte. Und glücklicherweise ein gelungenes!

Die Kids tragen Armbänder, die wir zusammen gestaltet haben, sagen Sätze, die wir ihnen morgens im Unterricht quasi vortanzen und zeigen auf Fotokalender, die wir letzte Woche aufgehängt haben.

Wir waren da, haben Spuren hinterlassen. Doch ist dies nicht entscheidend.

Viel wichtiger sind die Stunden, die wir hüpfend, singend, rennend, quatschend, die wir mit so vielen Kids im Schlafsaal verbracht haben, die Ins-Bett-bring-Aktionen, bei denen die Kids eher wach anstatt müde wurden und die Leuchtsterne ein Highlight nebenbei waren, das feuchtfröhliche Baden am Nachmittag.

Die Backnachmittage, bei denen wir mit älteren Schülern im selben Hefeteig geknetet haben, um anschließend Brötchen formen zu können und das Mehl auf der Haut alle dieselbe Hautfarbe haben ließ - einheitlich weiß! Wie vor einem Weihnachtsbaum hatten wir mit Mama Hilder vor der Waschmaschine gestanden und andächtig der Trommel bei jeder Drehung zugeschaut. Der Kohl ist nur das Resultat einer witzigen Gartenaktion, bei der Johnnys Humor für gute Stimmung gesorgt hat, wie immer eigentlich.

Und heute sollten wir einfach bis auf unbestimmte Zeit „Tschüss“ sagen. Von jeder Klasse, jedem Schüler einzeln. Und plötzlich wird einem bewusst, was man alles zurücklassen muss:

ein großes Voluntärhaus, in dem man sich ein Jahr lang ausbreiten durfte, die freundlichen Lehrerkollegen, die einen von Beginn an zu integrieren versuchten, Koch Allitah, Gärtner und Cleaner Uncle (einfach immer fleißig), zwei super liebe Securitymänner (klein und freundlich), die Reisbällchenfrau, Ziege Fritzi und Kalb Anton, Matron Sylilvia, Stephen und Annet (unsere Projektleiter und Gasteltern am Wochenende), gute Freundin Leticia, Robert und Sarah mit Baby, unendlich viele Kids, mit denen wir nahezu rund um die Uhr zu tun hatten, deren Familien wir teilweise kennengelernt haben, die uns all ihre Mini-Wunden vorgeführt haben, um ein buntes Pflaster zu bekommen, deren Charakter wir nach einem Jahr wohl ziemlich gut kennen – und zu schätzen gelernt haben. Und natürlich Mama Hilder- eine absolute Wunderfrau und das Herz der Schule. Wenn man sie fragt, wie viele Kinder sie habe, antwortet sie „76“. Gibt man ihr Kuchen, Pizza oder Schokolade, läuft sie in den Schlafsaal und teilt mit den Kindern. Hat niemals frei, kann sich eigentlich vor Arbeit nicht retten und besteht trotzdem darauf, vor unserem Haus noch Unkraut zu jäten. Und als sie uns zum Abschied die selbstgemachten Körbe aus Bananenblättern in die Hand drückte (für deren Herstellung sie drei Tage braucht) und über die Schulter hinweg sagte: „They are not big. They are small“, wurde mir bewusst: Bescheidenheit kann unendlich sein. Ich habe heute das Schulgelände verlassen, körperlich. Nicht ohne mich noch ein- zwei- dreimal umzuschauen.

Morgen werde ich im Flieger sitzen. Wie vor einem Jahr liegt ganz viel Erlebtes hinter mir, von dem ich berichten kann. Ungewiss, was vor mir liegt. Und ich bin genau dazwischen, in der Luft. Habe keinen Boden unter den Füßen.

Wer mit beiden Füßen fest auf dem Boden steht, kommt nicht weit.

14.8.16 10:15

Letzte Einträge: Unsre Reise die wird lustig, unsre Reise die wird schön..., Pizza, Soda, Film und mehr…, Du bist dabei, ich bin dabei, wir sind dabei, Kigali- die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, Der ganz normale Alltag(-swahnsinn)

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


David (21.8.16 16:41)
der Bericht ist wirklich mitreissend, emotional und ergreifend
Gruss paps

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